The Farm Project
MK: Herr Meiré, können Sie kochen?
MM: Ich will es seit 10 Jahren lernen. Aber irgendwie komme ich nicht dazu. Meine Frau, Michelle, kann dafür exzellent kochen. Sie hat es in Paris auf der Cordon Bleu gelernt. Sie hat mich auch beim „Farm Project“ beraten. Michelle weiß unglaublich viel übers Kochen. Außerdem hat sie, neben dem Wissen, das Gefühl fürs Kochen. Das ist mindestens so wichtig.
MK: Wie wichtig ist der Raum Küche für Sie persönlich? Haben Sie zum Beispiel Kindheitserinnerungen an die Küche?
MM: Nein. Oder doch, eine. Meine Großmutter musste mich früher immer ins Waschbecken setzen und das Wasser anstellen um mich zu füttern. Das war die einzige Chance mich zum essen zu bringen, hat sie einmal gesagt. Heute ist der Raum Küche für mich mehr als wichtig, es ist ein kostbarer Raum. Allerdings erst seit ich eine Familie habe. Man kann das gut architektonisch erklären: Ein Altbau wie wir ihn beleben, hat viele einzelne Zimmer; alles separate Welten, irgendwie individualisiert. Und die Küche ist das Zentrum, die Kreuzung an der sich alle treffen. Wir haben einen Kamin in der Küche, das hat schon etwas Symbolisches. Und wir haben eine große Marmorplatte in der Mitte der Küche, eine echte Werkplatte, wie beim Metzger. Hier spielt sich alles ab. Alle Farben, alle Formen. Hier liegt Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst und so weiter und so weiter. Natürlich steigen einem hier auch alle Gerüche in die Nase. Eine „Stage of Life“, sozusagen. Auch der Rest der Küche ist offen. Vieles hängt auch an der Decke. Wir wollen nichts verstecken, sondern alles sehen um alles zu verknüpfen. Das ist fast schon eine Lebensphilosophie für uns geworden.
MK: Und wenn Ihre Frau dann wirkt und kocht schauen Sie interessiert zu?
MM: Es gibt eine unausgesprochene, aber klare Aufgabenteilung. Michelle kocht, ich mache das Layout. Also die Inszenierung, die für mich zum Kochen dazugehört. Ich kann ohnehin nicht anders. Ich sehe überall ein Bild, eine Collage, ein Musikstück, einen Film.
MK: Das klingt alles so, als wäre der Ausgangspunkt für „The Farm Project“ sehr stark Ihre eigene Küche.
MM: Zum Teil stimmt das. Unsere Küche und unser persönlicher Umgang mit Nahrungsmitteln. Denn wir bringen von allen Reisen immer auch Essbares und Trinkbares mit. Öle, Gewürze, Weine, Käse; Schinken. Häufig auch Keramik, Töpfe, also Küchenwerkzeug. Das macht den Raum in gewisser Weise zu einem multikulturellen Begegnungsort. Zu einem Platz der Toleranz. Das gefällt uns. Die Idee für „The Farm Project“ hat aber noch einen anderen Ursprung. Der Minimalismus, der Wille alles zu designen und Dinge hinter neuen Dingen zu verstecken, verzichtet – und das eben vor allem in der Küche – auf so viele interessante, schöne, hinreißende Dinge. Die Küche als Design- Showroom ist in meiner Sicht kein Luxus, sondern eine Einschränkung.
MK: Wir brauchen in Zukunft also keine Designer mehr?
MM: Der Designer übernimmt vielleicht eine andere Rolle. Er wird zum Kurator. Er stellt zusammen, schaut bei e-bay nach, möglicherweise in seinem Keller – alles was mir zum Beispiel in den 80er und 90er Jahren wichtig war, ist heute bei mir im Keller. Der Designer individualisiert also. Darin steckt natürlich auch der Aufruf, dass jeder ein Designer sein kann. Das finde ich interessant, weil es zumindest für einen Moment oder für einen Raum herausführt aus der Kategorisierung: das ist schön, das ist schlecht, das gut, das ist falsch. „The Farm Project“ ist keine dekorative Idee, sondern eine Haltung.
MK: Ein Aufruf zur Alternative.
MM: Genau.
Quelle: Dornbracht

