The Farm Project
Ein magischer, gleichwohl völlig alltäglicher Ort ist die Küche. Zahlreiche Hersteller begegnen ihr heute mit reduktionistischem Pathos, in dem Versuch, sie zu einem repräsentativen, Ehrfurcht einflößenden Ort zu machen. Man setzt monolithische Blöcke in den Raum, deren spiegelnde Flächen weder Schalter, noch Schubladen erkennen lassen. Eine Entwicklung, die mittlerweile absurde Züge angenommen hat. Ist nicht vielmehr das lebendige Durcheinander der Düfte, Zutaten und Gewürze, der Löffel, Pfannen und Töpfe, das beim Kochen entsteht, eine wundervolle – und eben auch wünschenswerte – Begleiterscheinung? Warum muss alles immer gänzlich zum Verschwinden gebracht werden? Schließlich entstehen beim Kochen unvermittelt immer neue Stilleben, manche darunter von einer Schönheit, wie sie die holländischen Genremaler des 17. Jahrhundert festzuhalten und metaphorisch zu überhöhen suchten: schillernde Fischhaut auf hölzernem Schnittbrett, die glänzende Klinge eines Messers neben dem Gelb einer aufgeschnittenen Zitrone …
Ettore Sottsass, der große italienische Architekt und Designer, hat die Küche einmal als „Ort hinter der Bühne“ beschrieben, an dem man „mit Ruhe, mit Furcht, mit Fröhlichkeit (manchmal), mit Einbildung, mit Spannung das Schauspiel vorbereitet; das Schauspiel, das immer wunderbar sein muß; das Schauspiel, das immer ein Stück des Lebens nachzeichnen muß. Ich sehe die Küche als einen geheimnisvollen Ort, an dem man tatsächlich die Zutaten für eine Art heilige Vorstellung vorbereitetet werden.“ Heute trennen wir nicht mehr zwischen Bühnenraum und Backstage, die Arbeit in der Küche ist Teil der Vorstellung geworden – nur sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, unseren Gästen eine perfekte Kulisse bieten zu müssen.
Margarete Schütte-Lihotzky (1887-2000) etwa lag alles Inszenatorische fern. Sie hatte in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wahrlich anderes im Sinn, als sie sich daran machte, die Küche von Grund auf neu zu konzipieren. Die gebürtige Wienerin fasste mit ihrer „Frankfurter Küche“ den Ort der Essenszubereitung als Arbeitsraum, als durchstrukturierte Werkstatt auf. Alles hatte plötzlich seinen wohlüberlegten Platz. Nun ist gewiß ein gutes Maß Organisation und Koordination beim Kochen unabdingbar, doch sollte man nicht alles und jedes den Gesetzen der Rationalisierung unterwerfen. Otl Aicher beklagt in seinem Buch „Die Küche zum Kochen“ (München, 1982) die Verbannung des Essplatzes: „Indem man den zentralen Tisch aus der Küche entfernte, wurde die Küche kompakter, wurden die Wege kürzer und die Wechselbeziehungen enger, die Objekte leichter greifbar. Mit dem Tisch verschwand die Muße, der Leerlauf. Die Küchenarbeit wurde zur Fertigung.“ Aber Kochen, das heißt schließlich auch spielen und experimentieren – und manchmal auch scheitern: Luigi Colani entwarf 1970 für Poggenpohl eine knallgelbe Kunststoff-Küche als kugelrundes Cockpit. Ein spektakuläres, aber völlig folgenloses Konzept. In jenen Jahren glaubten gar manche, sogenannte „Haushaltsroboter“ würden bald die Essenzubereitung übernehmen!
Wenn wir also heute über Gegenwart und Zukunft des Kochens nachdenken, so müssen nicht mehr der Weltraum und ferne Planeten als Leitbilder herangezogen werden. Wir können auf dem Boden bleiben. Mike Meiré hat dies längst erkannt. Der Kölner Designer erschließt mit dem Projekt FARM den Lebensraum Küche für Dornbracht und ließ jene Vision in den Räumen seines Kölner Studios Gestalt annehmen: Anläßlich des Mailänder Messe-Auftritts richtete er einen Showroom ein, der auf den ersten Blick völlig untypisch war für den Iserlohner Armaturen-Hersteller. Weder technische Finesse noch formale Perfektion kennzeichneten 2006 die Mailänder Dornbracht- Präsentation. Vielmehr entwarf Meiré als Kurator und Gestalter das skizzenhafte, assoziative Bild einer bäuerlichen Küche, in der es hoch her ging: In dem scheunenartigen Raum tummelten sich sehr lebendige Schäfchen, Schweine, Fische und Hasen! Strohballen, Mistgabeln und einfach verzinkte Blecheimer verwandelte Meiré in anspielungsreiche Embleme, die auf Vergangenes wie Zukünftiges verwiesen. Ein reich verzierter, gußeisener Ofen spendete Wärme, ein eigenwilliges, doppelstöckiges Waschbecken aus Edelstahl wurde zur Skulptur, zur dreidimensionalen, fast beiläufigen Präsentationfläche von Dornbracht-Armaturen. Schlichtes Geschirr mit diversen, ganz unedlen Dekoren vermischte und kontrastierte sich wie zufällig in Schichten und Stapeln. Eine rollbare Spüleinheit, die mit der Ästhetik Beuys´scher Installationen spielte, rundete das Bild ab. Von außen wurden Platten verschiedener Materialen – Sperrholzplatten, Kupferbleche, Filze, diverse Kunststoffe – angebracht, die den von grauweißen Stahlträgern definierten Raumkörper ummäntelten. Die Farben, Konsistenzen und Oberflächen der Platten wurden zum zeichenhaften, provisorischen Patchwork, zum exemplarischen Anschauungsmaterial: die Scheune als Metazeichen. Küche und Scheune – beide Orte bieten und bedeuten Wärme, Schutz und Zuflucht. Nicht nur, wenn wir beispielweise an die Weihnachtsgeschichte denken: „You better come on into my kitchen, ´cause it´s gonna be raining soon“ wirbt Robert Johnson in einem Blues um seine Angebetete.
Wie aber kam es zu der Idee einer bäuerlich collagierten Küche? Mike Meiré: „Nach den Ritual-Architektur-Konzepten, die bei Dornbracht gemeinsam mit uns für das Bad entwickelt worden sind, haben wir uns gefragt: Wie wäre dies auf den Raum „Küche“ zu übertragen? Im Sinne eines wirklich kreativen, Cutting-Edge-Ansatzes, der ja auch mein Energetic Recovery System für den Badbereich kennzeichnet. Was also könnte das für die Küche bedeuten? Im Design beobachte ich seit geraumer Zeit eine Tendenz zur Archaisierung, die mit einem Minimalismus einhergeht. Man will Ikonen schaffen: präzise, grafische Formen, die memorabel sind. Aber man muss eben unterscheiden: Wo macht eine solche Minimalisierung Sinn? Und wo wirkt sie eher lebensfeindlich, aseptisch? Die Küche ist doch ein hochkomplexer Ort, ein permanentes „Making of“ – eben Leben pur, eine Werkstatt für die Sinne. Und ich möchte einfach versuchen, dieses Jahrhundert mit einer anderen, einer gelasseneren Haltung zu umarmen: Let´s appreciate!“

