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Werkschau

Mike Meiré – Learning by doing und die Life-Formel

Seit über 25 Jahren ist Mike Meiré als einer der innovativsten Gestalter im Spannungsfeld von Design, Markenwelten und Kunst tätig. „Man muss sich auch regional engagieren, wenn man nicht will, dass die Qualität wegbricht,“ begründet Mike Meiré seine Teilnahme an Rheindesign.

Mike Meiré, Jahrgang 1964, zog mit 20 in die Kölner Innenstadt, wo er bis heute mit seiner Frau Michelle und den drei gemeinsamen Söhnen lebt. Vier Felder sind es, die seine Arbeit prägen: Editorial Design, Culture Projects, Brand Coding und Architecture. Vier strukturelle Bereiche mit denen seine Agentur Meiré und Meiré, die vor 20 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Marc Meiré entstand, bis heute arbeitet, denn sie basieren aufeinander und sind miteinander logisch verknüpft. Für manche irritierend: Mike Meiré wechselt immer wieder lustvoll zwischen seinen Rollen: Er ist Art Director, Designer, Künstler, Herausgeber, Fotograf, Kurator und Vermittler. „Das was ich tue, verändert sich immer weiter,“ sagt Meiré. Seine Devise mit der er immer wieder neue kreative Aufgaben für sich entdeckt heißt „learning by doing“.

Editorial Design
Stilprägend wirkt Mike Meiré zunächst als Zeitschriftengestalter. Das beginnt kurz nach seinem Studium in Köln als Herausgeber und Artdirektor der Kulturzeitschrift Apart. Später überträgt Mike Meiré Prinzipien der Buchgestaltung aufs Zeitschriftenlayout. Als Art Director konzipiert er das Wirtschaftsmagazin Econy und dessen Nach-folger brand eins, die kaum erschienen, mit Designpreisen überhäuft werden. Der Umgang mit Weißraum und farbigen Flächen, die Wiederkehr von Illustrationen in der Zeitschriftengestaltung, sowie der gezielte Einsatz einer neuen Bildsprache in der Fotografie mit oft ganzseitigen Portraits kennzeichnen die Arbeit von Mike Meiré. Er gibt der Zeit-schrift kid’s wear ein neues Gesicht und überarbeitet – das derzeit aktuellste Projekt – die bereits vielfach ausgezeichnete Zeitschrift 032c, deren Typographie nun gestaucht und gestreckt erscheint wie nie zuvor. Meiré liebt es, seinen eigenen Widerpart zu spielen. Und die neue 032c kann man als extremes Gegenbeispiel zur sachlichen Gestaltung von brand eins begreifen. Bei den LeadAwards wird Mike Meiré als Visual Leader 2006 ausgezeichnet. Mit seiner Mode-Strecke „Cowboys“ für kid’s wear wird gleichzeitig seine Debüt als Fotograf prämiert – learning bei doing. Mit den Magazinen brand eins und MINIInternational eröffnet sich Meiré zugleich eine neue Sphäre, die er „liquid identity“ nennt. Ihn interessiert es weniger, vordefinierten Corporate Design-Standards zum Durchbruch zu verhelfen. Vielmehr sind es die Anknüpfungspunkte zwischen einer Marke und ihrem kulturellen Umfeld, die den Vermittler Mike Meiré herausfordern.

Culture Projects
Daraus entwickelt er einen Ansatz, der über bestehende CI-Konzepte hinausgeht. Geradezu prototypisch wird er in der Zusammenarbeit mit dem Armaturenhersteller Dornbracht deutlich. Mike Meiré gestaltet nicht nur die üblichen Elemente eines Erscheinungsbildes, sondern verführt das Unternehmen zu einem weitgehenden kulturellen Engagement, das anfangs in der Kunstszene durchaus kritisch aufgenommen wird: „Ich habe mir keine Gedanken gemacht, dass ich Kunst und Kommerz zusammen brachte,“ gesteht Mike Meiré. Seine Arbeitsweise beruht auf einer Lebensauffassung, die Schubladendenken überwindet. Für Dornbracht entsteht die Statements-Reihe 1-7, bei der ab 1996 international renommierte Künstler, Musiker, Schriftsteller und Fotografen eingeladen wurden, in ihrem jeweiligen Genre freie Arbeiten zum Thema Badkultur zu gestalten. Meiré unterbricht die Reihe, als sie zur Routine zu werden droht. Mit Performances spürt Mike Meiré noch grundsätzlicher dem Verhältnis von Mensch, Raum und Ritual nach, in der Reihe Edges engagiert er sich nicht nur als Kurator, sondern liefert eigene künstlerische Beiträge wie die Installation E-R-S (Energetic Recovery System) oder The Farm Project, das in Mailand und Köln gezeigt wurde. Die Zusammenarbeit mit Künstlern sieht er als Forschungsprojekt. Fragestellungen dabei: Wie funktioniert der Körper? Aber auch: Wie erreicht man die spirituelle Balance?

Brand Coding
Nicht Werbung, sondern Taten prägen Unternehmen, behauptet Mike Meiré. „Ich habe eine Kultur für die Marken entwickelt und habe sie an gesellschaftliche Strömungen angedockt, daraus ist das Brand Coding entstanden.“ Nicht weniger als nachhaltige Markenentwicklung ist das Ziel. Bedeutsamkeit, Verbundenheit und Führungsfähigkeit spielen dabei eine Hauptrolle. „Ich wollte nie ein Anhübscher sein,“ erklärt Mike Meiré, der für seine Arbeit früh schon die „Life-Formel“ fand. L steht für Liebe oder Leidenschaft. Ein Begriff, dessen Emphase längst nicht überall auf Zustimmung stößt und die doch eine präzise Aussage hat: „In vielen Unternehmen gibt es keine Liebe zum Produkt mehr,“ stellt der Designer fest. „Ich will Marken in ihrer Funktion, in ihrer Nach-haltigkeit und Sinnhaftigkeit darstellen.“ I steht für Intelligenz: Marken sollen weg vom Mittelmaß, keine falschen Kompromisse eingehen, sondern ihr Potenzial möglichst vollständig ausschöpfen. F bedeutet Freiheit: Bewusste Entscheidungen treffen und keine Sachzwänge zulassen. E steht für Evolution: Inhalte und Arbeitsweisen sind nicht statisch, sondern unterliegen der permanenten Veränderung und Verbesserung, dem Flow of Life. In der Zusammenarbeit mit Dornbracht entsteht die Idee des Rituals, die sich auf die Culture Projects ebenso auswirkt wie auf die von Sieger Design gestalteten Produkte und deren räumliche Inszenierung.

Architecture
Ebenfalls für Dornbracht entstehen mehrdimensionale Markeninszenierungen für Messen und Showrooms. Die Ritualbäder MEM, Tara .Logic und Elemental Spa verknüpfen nicht nur traditionelle, vormoderne Reinigungsrituale mit technologischen und visuellen Angeboten der Jetztzeit, sondern lassen zugleich eine räumliche Umsetzung neuer Produktideen entstehen. Wiederum verknüpft Mike Meiré dabei unter-schiedlichste Disziplinen, Medien und Materialien. Neben Methoden der dreidimensionalen Inszenierung setzt er dabei auch auf Sound und Duft, um ein ganzheitliches Marken- und Raumerlebnis zu ermöglichen. Auch aus inneren Widersprüchen bezieht Mike Meiré gestalterische Kraft: „Ich mag das Überbordende, die Gefühlswelten bis hin zum Kitsch,“ bekennt er „und auf der anderen Seite bin ich ein Kopfmensch mit Bauhaus-Prägung. Ich habe für mich erkannt, dass es um das Aushalten von Widersprüchen geht.“

 

Text: Thomas Edelmann

 

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